Was tun mit all den Kinderzeichnungen? 

Ein pragmatischer Umgang – mit etwas Abstand und ohne Perfektionsanspruch

„Mama, guck mal!" Mein Sohn steht vor mir, das Bild noch feucht von den Wasserfarben, die Finger voller blauer Farbe. Seine Augen leuchten. Das hier ist wichtig, sagt sein Blick. Das hier ist für dich.

Das ist über zwanzig Jahre her. Mein Sohn ist jetzt 23. Und ich erinnere mich noch genau an diesen Moment – an die Erwartung in seinem Gesicht, an das Gefühl, dass ich jetzt das Richtige sagen muss.

Vom Kühlschrank zum Chaos

Am Anfang hingen die Bilder am Kühlschrank. Das hat gut funktioniert. Aber irgendwann war kein Platz mehr da, und ich habe angefangen, sie zu stapeln. Übereinander, nebeneinander. Es wurden einfach immer mehr.

Also nahm ich einen Karton und stellte ihn in den Kleiderschrank. Ohne System, ohne Plan. Alles kam da rein.

 Die ersten stolzen Kringel aus dem Kindergarten, die Kopffüßler-Menschen aus der Vorschulzeit, die detailreichen Dinosaurier-Geschichten, als er alles naturgetreu malen wollte.

Die Wasserfarbenbilder haben sich über die Jahre gewellt, manche Zeichnungen waren später zerknittert. Ich habe den Karton jahrelang nicht geöffnet – aber ich wusste, dass er da ist. Das hat mir irgendwie gereicht.

Als er 21 wurde, habe ich den Karton endlich wieder hervorgeholt. Wir saßen zusammen auf dem Boden und haben geblättert. Er hat gelacht über manche Bilder – „War ich wirklich so schlecht im Malen?" –, sich an andere gar nicht erinnert. Ein paar wollte er behalten.

Den Rest habe ich weggeworfen. Und das war okay.

Was mir dabei klar wurde

Die Bilder waren nicht das Problem. Das Problem war: Sie waren weg. Jahrelang unsichtbar.

Ich hätte gerne gesehen, wie aus den ersten wilden Kritzeleien langsam Menschen wurden – diese lustigen Kopffüßler mit Armen direkt am Kopf. Wie er später angefangen hat, ganze Geschichten zu malen, mit riesigen Drachen und winzigen Häusern, weil der Drache eben das Wichtigste war.

Ein Bild, das hängt, lebt. Man geht daran vorbei, lächelt, erinnert sich. „Weißt du noch, als du nur noch in dieser einen Farbe gemalt hast?" Ein Bild im Karton ist stumm.

 

Was ich meinem damaligen Ich raten würde

Gib den wichtigsten Bildern einen Platz. Nicht allen – das geht nicht. Aber dem aktuellen Lieblingsbild. Und wenn ein neues kommt, tausch aus.

 

Einen personalisierten Bilderrahmen für Kinderkunstwerke – „Nils' Galerie" hätte darauf gestanden. Vorne das aktuelle Meisterwerk, hinten im Sammelfach die, die schon ihre Zeit an der Wand hatten.

So wären die Bilder Teil unseres Alltags gewesen. Und ich hätte seine künstlerische Entwicklung mitverfolgen können, statt sie im Kleiderschrank zu verstecken.

 

Die Tränen beim Wegwerfen

Als ich damals den Karton geleert habe, war da ein Moment – ganz kurz –, in dem mir die Tränen kamen. Nicht wegen der Bilder. Sondern weil ich gemerkt habe: Diese Zeit kommt nie wieder.

Die Zeit, in der er mit verschmierten Händen und leuchtenden Augen zu mir gerannt ist. Die Zeit, in der jeder Kringel ein Kunstwerk war und jede Farbe ein Abenteuer.

Er hat nicht gefragt, warum ich die Bilder weggeworfen habe. Er wusste: Sie hatten ihre Zeit. Aber ich hätte sie gerne besser genutzt.

Was wirklich zählt

Kinder brauchen keine perfekte Archivierung ihrer Bilder. Aber sie brauchen das Gefühl, dass ihre Kunst gesehen wird. Dass sie einen Platz hat. Dass sie wichtig ist.

Das kann ein Rahmen mit ihrem Namen darauf sein. Das kann ein Platz an der Wand sein, wo immer das neueste Werk hängt. Das kann ein Sammelfach sein, in dem die besonderen Stücke aufbewahrt werden.

Hauptsache, es verschwindet nicht sofort in der Schublade.

 

Was bleibt

Heute hängt kein Kinderbild mehr in meiner Wohnung. Mein Sohn malt nicht mehr für mich. Aber ich denke manchmal an diese Zeit zurück – und wünschte, ich hätte mehr davon gesehen, statt es nur zu sammeln.

Die Bilder sind weg. Die Erinnerung an seine strahlenden Augen ist geblieben. Aber ein paar mehr sichtbare Momente dazwischen – die hätte ich gerne gehabt.

**Was wirklich zählt**

Kinder brauchen keine perfekte Archivierung ihrer Bilder. Aber sie brauchen das Gefühl, dass ihre Kunst gesehen wird. Dass sie einen Platz hat. Dass sie wichtig ist.

Das kann ein Rahmen mit ihrem Namen darauf sein. Das kann ein Platz an der Wand sein, wo immer das neueste Werk hängt. Das kann ein Sammelfach sein, in dem die besonderen Stücke aufbewahrt werden.

Hauptsache, es verschwindet nicht sofort in der Schublade.